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Background November 2005
Faszination Fantasy und Märchen


Ob Fantasygeschichten die legitimen Nachfolger alter Märchen sei, werde ich oft gefragt. Zuletzt anlässlich der 16. Berliner Märchentage, zu denen ich einen entsprechenden Artikel in der Berliner Morgenpost beisteuerte.

Märchen - dieses Wort hat zugleich etwas Anziehendes wie Verstaubtes. Nein, ich spreche hier nicht von modernen angelsächsischen Märchen à la Hollywood, weder von Rowlings "Harry Potter" noch von C. S. Lewis' "Narnia", der aufwendigsten Disney-Verfilmung aller Zeiten - ich spreche von den Geschichten, die in ihrer klassischen Form mit "Es war einmal" beginnen und mit einer Moral enden, die uns auf den rechten Weg weisen, aber zumindest doch nachdenklich stimmen wollen - egal, ob sie dabei unter dem Label "Märchen" oder "Fantasy" in die Regale der Buchhändler einsortiert werden.

Mit der Einteilung in Volks- und Kunstmärchen will ich mich gar nicht im Detail befassen, denn aller Märchen Anfang war und ist bis heute natürlich ein künstlerischer Impuls, der Wunsch etwas auszudrücken und in Worte zu kleiden, das auch andere Menschen erreicht, begeistert und berührt. Der Unterschied ist eher die Frage der Art der Publikation: Die so genannten Volksmärchen wurden mündlich überliefert und dabei immer wieder verändert, was sie einerseits lebendig erhielt, auf der anderen Seite aber auch ihren Ursprung vergessen ließ. Volksmärchen bedeutet für den ursprünglichen Erzähler also nichts anderes, als dass seine Herkunft verschleiert wurde.

Heute haben wir ein ausgeklügeltes Urheberrecht, und die Verschleierung des Autors eines modernen Märchens ist sogar bis zu einem gewissen Punkt strafbar. Strafbar sollte auch sein, was heute mitunter als modernes Märchen verkauft wird. Blindwütige Sword & Sorcery Geschichten, bei denen es in erster Linie ums Hauen und Stechen geht und darüber hinaus die Logik bei magischem Klimbim mitunter vollkommen auf der Strecke bleibt, mögen ja streckenweise ganz unterhaltsam sein - ich empfinde sie dagegen eher als Zumutung. Die phantastische Literatur hat mehr zu bieten. Im gelungenen klassischen Märchen wie Fantasy-Epos stehen Menschen (oder andere denkende und fühlende Wesen) im Vordergrund und keine billige Effekthascherei. "Herkules in New York", der Debütfilm des kalifornischen "Gouvernators" Arnold Schwarzenegger, mag phantastische Elemente haben, mit Fantasy oder Märchen hat ein solches Werk aber nichts zu tun. Ganz anders in Michael Endes "Die unendliche Geschichte". Ein geheimnisvolles, Macht verleihendes Medaillon mit der Aufschrift "Tu was du willst" scheint den Helden der Geschichte geradezu aufzufordern, über die Stränge zu schlagen. Doch ganz, wie es die Spielregeln eines klassischen Märchens erfordern, wird er am Ende geläutert erkennen, dass wirkliche Macht nur der hat, der sie auch verantwortungsvoll einsetzt.


Das Typische an einer solchen "Moral" ist ihre Allgemeingültigkeit über alle Zeiten hinweg. Dass Macht ohne Verantwortungsgefühl wie ein Zwilling ohne den anderen ist, galt schon zu Zeiten Karls des Großen. In unserem aktuellen Politiktheater wirkt diese Aussage sogar so frisch, als sei sie gerade erst erfunden. Kommt es für den Märchenerzähler darauf an, einen besonders originellen Grundgedanken zu finden? Nein, ganz im Gegenteil. Es geht um die allgemeine Aussage, um das, was uns alle verbindet. "Archetypen" nannte der geniale Psychoanalytiker und Märchenfan C. G. Jung die in uns Menschen schlummernden Urbilder, die sozusagen die Märchen- Ursuppe bilden, weil sie allen uns Menschen gemein sind, egal auf welchem Erdteil und in welcher Kultur wir groß geworden sind. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hat Michael Ende mit seinem Medaillon "Tu was du willst" wohl kaum ein Plagiat begangen, obwohl es doch sehr an die Magie "Tu was Du willst" erinnert, die Peter S. Beagle bereits gut zehn Jahre zuvor in seinem ebenfalls groß verfilmten Roman "Das letzte Einhorn" beschrieb.

Es geht um die immerwährend gültigen Grundthemen. Dass Machtmissbrauch fürchterliche Konsequenzen haben kann, findet sich an verschiedenen Stellen schon in den Grimmschen Märchen. So auch in dem Märchen "Von dem Fischer un syner Frau", der von Doris Dörrie gerade in einem sehenswerten Kinofilm in unsere Jetztzeit übertragen wurde. Des Fischers Frau will tun, was sie will, nutzt die magischen Kräfte eines Butts, um König und Papst zu werden - bis sie sich schließlich versteigt, Gott werden zu wollen und wieder zurückgeworfen wird auf ihre armselige Fischerhütte. Und so schließt sich denn der Kreis. Märchen und gute Fantasy- Romane erzählen spannende Geschichten, die uns im Innersten berühren - und uns im besten Fall eine Richtschnur für unser Handeln geben. Und wann hätten wir die Auseinandersetzung mit moralischen Werten nötiger als in unserer Zeit, in der jeder Einzelne mehr Freiheiten hat als je zuvor - und damit auch mehr Möglichkeiten, in die falsche Richtung zu stolpern?

Wolfgang Hohlbein

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